Nach jahrelangem Druck: EU-Kommission verpflichtet sich zum Handeln gegen 'Konversionspraktiken'
Nach jahrelangen Kampagnen von All Out-Mitgliedern und unseren Partnerinnen und Partnern in ganz Europa hat sich die Europäische Kommission offiziell dazu verpflichtet, gegen 'Konversionspraktiken' vorzugehen. Sie fordert alle EU-Länder auf, diese zu verbieten.Seit Jahren fordern die Mitglieder von All Out die Europäische Union auf, klar gegen sogenannte 'Konversionstherapien' Stellung zu beziehen – also Praktiken, die versuchen, die sexuelle Orientierung, geschlechtliche Identität oder den geschlechtlichen Ausdruck einer Person zu verändern, zu unterdrücken oder zu bekämpfen. Am 13. Mai 2026 hat die Europäische Kommission nun offiziell reagiert. Sie wird 2027 eine Empfehlung herausgeben, die alle EU-Länder auffordert, diese Praktiken im nationalen Recht zu verbieten. Zudem hat sie 'Konversionsbehandlungen' zu einer Priorität ihrer neuen LGBT*-Gleichstellungsstrategie erklärt.
Das ist ein bedeutender Fortschritt. Es ist jedoch nicht das umfassende, bindende EU-weite Verbot, das mehr als eine Million Menschen in Europa gefordert haben. Unsere Arbeit ist noch nicht vorbei – aber es hat sich etwas Entscheidendes bewegt.
Der Kampf für ein Ende von 'Konversionsbehandlungen' in Europa ist lang. All Out startete eine Petition, um die Europäische Kommission zum Handeln aufzufordern, lange bevor das Thema auf dieser Ebene die EU-Institutionen erreichte. Mehr als 64.000 All Out-Mitglieder unterschrieben. Als 2024 die Europäische Bürgerinitiative 'Verbot von 'Konversionsbehandlungen' in der Europäischen Union' ins Leben gerufen wurde, mobilisierte All Out die eigene Community ein zweites Mal: Wir baten alle, die unsere Petition unterschrieben hatten, auch die offizielle Bürgerinitiative auf der Plattform der Europäischen Kommission zu unterstützen. Die Bürgerinitiative ist eines der stärksten demokratischen Werkzeuge für Menschen in der EU. Das Überschreiten der Schwelle von einer Million Unterschriften verpflichtete die Kommission rechtlich zu einer Reaktion.
Das Ausmaß des Leids ist gut dokumentiert. 'Konversionsbehandlungen' haben keinen therapeutischen Nutzen. Sie werden von der Weltgesundheitsorganisation, führenden medizinischen und psychiatrischen Verbänden sowie den Vereinten Nationen verurteilt. Letztere kamen zu dem Schluss, dass diese Praktiken nach internationalem Recht Folter gleichkommen können. Laut der LGBT*-Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2023 war bereits jede vierte LGBT*-Person in der EU 'Konversionsbehandlungen' ausgesetzt. Bei trans* Frauen liegt dieser Anteil bei fast der Hälfte – 47 Prozent – und bei trans* Männern bei 48 Prozent. Das sind keine Zahlen aus der Vergangenheit. Sie beschreiben, was genau jetzt mitten in Europa passiert.
Genau das macht die Reaktion der Kommission so bedeutend. Zum ersten Mal hat sich die Europäische Kommission verpflichtet, ein offizielles Instrument vorzulegen, das alle 27 Mitgliedstaaten auffordert, 'Konversionsbehandlungen' in ihren nationalen Rechtssystemen zu verbieten. Die Empfehlung wird sich an den Gesetzen orientieren, die bereits in acht EU-Ländern in Kraft sind – Belgien, Zypern, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Malta, Portugal und Spanien – und zusätzliche Maßnahmen wie Schulungen für medizinisches Fachpersonal und Unterstützung für Betroffene umfassen. Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, über die Umsetzung zu berichten.
Die Kommission hat außerdem ein neues LGBT*-Politikforum angekündigt, das noch vor Ende 2026 erstmals in Brüssel zusammenkommen wird. 'Konversionsbehandlungen' sollen dabei das erste Schwerpunktthema sein. Eine von der Kommission in Auftrag gegebene Studie über 'Konversionsbehandlungen' läuft bereits und wird in die Empfehlung einfließen.
Die Kommission blieb jedoch hinter den Forderungen der Bürgerinitiative zurück. Sie lehnte es ab, ein bindendes EU-Gesetz vorzuschlagen. Ihre Begründung: Jedes bindende Verfahren im Rahmen der EU-Verträge würde die Einstimmigkeit aller 27 Regierungen erfordern – eine Hürde, die Gesetzgebungsverfahren zu LGBT*-Rechten im Rat der EU seit Jahren blockiert.
Der Kampf verlagert sich nun dorthin, wo die nächsten Entscheidungen getroffen werden: in die nationalen Hauptstädte. In vielen EU-Ländern gibt es noch immer keinen spezifischen gesetzlichen Schutz vor 'Konversionsbehandlungen'. Ob die Empfehlung der Kommission von 2027 vor Ort zu echtem Schutz für LGBT*-Menschen führt, hängt davon ab, was die Regierungen daraus machen.
Der bisherige Fortschritt kam nicht von allein. Er ist das Ergebnis jahrelangen, unermüdlichen Drucks von LGBT*-Communitys, Familien, Allies, medizinischem Fachpersonal und Menschenrechtsaktivist*innen in ganz Europa. Die Community von All Out war gleich doppelt an diesem Druck beteiligt – erst durch unsere eigene Petition, dann durch unsere Hilfe bei der Mobilisierung von Unterschriften für die Europäische Bürgerinitiative. Ebenso wichtig waren die Organisator*innen der Bürgerinitiative, das Europäische Parlament, die Parlamentarische Versammlung des Europarates und der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss. Sie alle haben im vergangenen Jahr Maßnahmen gegen 'Konversionsbehandlungen' gefordert.
Die Empfehlung der Kommission ist ein Schritt nach vorn, aber noch nicht das Ziel. Die nächste Phase dieses Kampfes wird sich in 19 Hauptstädten abspielen – in Parlamenten, Gerichten, medizinischen Verbänden und Communitys. Es braucht dieselbe Entschlossenheit, die die EU-Institutionen bis zu diesem Punkt gebracht hat, um sicherzustellen, dass jede LGBT*-Person in Europa geschützt ist – und nicht nur die Menschen, die zufällig im richtigen Land leben.
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